Automatisierung wird neu programmiert

Bild: B&R Industrie-Elektronik GmbH

Mit dem zunehmenden Einsatz softwarebasierter Automatisierung verändern sich die Anforderungen an Planung, Umsetzung und Betrieb von Maschinen und Anlagen grundlegend. Funktionen, die früher fest in Hardware verankert waren, werden heute flexibel in Software abgebildet. Dadurch rücken Architekturentscheidungen und ein konsistentes Systemdesign stärker in den Mittelpunkt. Vernetzte Produktionsanlagen, IIoT-Anbindungen und softwaredefinierte Funktionen erhöhen die Komplexität moderner Automatisierungssysteme. Entsprechend gewinnen klar strukturierte, skalierbare Architekturen an Bedeutung. Hersteller entwickeln Automatisierungsplattformen zunehmend modular und lebenszyklusorientiert, während Betreiber diese Aspekte bei Ausschreibungen, der Auswahl von Systemen und der Bewertung von Betriebs- und Wartungskosten berücksichtigen.

Grundlegende Mechanismen wie strukturierte Zugriffskonzepte, segmentierte Netzwerke, standardisierte Schnittstellen und eine durchgängige Systemüberwachung werden dabei als selbstverständliche Bestandteile moderner Automatisierung verstanden. Werden diese Prinzipien frühzeitig in Modernisierungs- und Neuprojekten integriert, lassen sich Systeme stabil betreiben, an neue Anforderungen anpassen und über längere Zeiträume effizient weiterentwickeln – ohne die notwendige Flexibilität softwarebasierter Automatisierung einzuschränken.

Flexible Produktion setzt sich durch

Modulare, rekonfigurierbare Produktionsstrukturen setzen sich zunehmend durch. Ziel ist es, Layout-Änderungen und Erweiterungen deutlich schneller umzusetzen als bei klassischen Linienkonzepten. Maschinen, Fördertechnik und Prozessstationen werden als intelligente Module betrachtet, die sich mit geringem Engineeringaufwand integrieren, austauschen oder neu anordnen lassen. Einheitliche Steuerungsplattformen, echtzeitfähige Kommunikationsnetze und softwarebasierte Orchestrierung bilden dafür die Grundlage. So entstehen Produktionsumgebungen, die schneller auf Marktveränderungen reagieren und Stillstandszeiten reduzieren.

Der Turbo für Echtzeitkommunikation: OPC UA FX

Offene Standards wie OPC UA FX ermöglichen eine deterministische Echtzeitkommunikation von der Feldebene bis zu übergeordneten IT-Systemen und Cloud Anbindungen. Analysefunktionen, Zustandsüberwachung, vorausschauende Instandhaltung und datenbasierte Optimierung lassen sich damit einfacher integrieren, ohne bestehende Produktionsprozesse zu beeinträchtigen. OPC UA FX reduziert zudem die Abhängigkeit von einzelnen Herstellern und verkürzt Inbetriebnahmezeiten in Multivendor-Umgebungen. Durch Selbstbeschreibung und automatische Integration können Maschinen und Komponenten nach dem Prinzip Plug&Produce eingebunden werden. Das senkt den Engineering Aufwand, verkürzt Projektlaufzeiten und erleichtert Anpassungen im laufenden Betrieb. Die Technologie ist abwärts- und aufwärtskompatibel, koexistiert mit bestehenden Feldbus- und Ethernet-Protokollen und lässt sich mit neuen Übertragungstechnologien wie TSN, 5G oder WiFi 6 skalieren. Dadurch lassen sich kostenintensive Systemmigrationen vermeiden und bestehende Anlagen weiter nutzen.

Vorausschau statt Stillstand

IIoT-Sensorik, Edge-Geräte und 5G-Netze entwickeln sich zunehmend zur technischen Basis moderner Produktionsbetriebe. Einzelne, isolierte Maschinen werden durch vernetzte Systeme ersetzt, in denen Anlagen kontinuierlich Zustands- und Leistungsdaten liefern. Diese Echtzeit-Transparenz ist keine Option mehr für Pilotprojekte, sondern Voraussetzung für hohe Anlagenverfügbarkeit, effizienten Ressourceneinsatz und steigende Anforderungen an Produktivität und Nachhaltigkeit. Durch die Verarbeitung relevanter Daten am Edge lassen sich Abweichungen frühzeitig erkennen und Prozesse kurzfristig anpassen. Bediener erhalten situationsbezogene Informationen direkt am Arbeitsplatz. Unternehmen bewegen sich damit von reaktiven hin zu vorausschauenden Betriebsmodellen. Wer diese Datengrundlage konsequent nutzt, erhöht Anpassungsfähigkeit und reduziert Stillstände.

Testen war gestern, Wertschöpfung ist heute

Industrielle KI entwickelt sich von einzelnen Pilotanwendungen hin zu integrierten Lösungen mit messbarem Nutzen für Anlagenstabilität, Produktqualität und Instandhaltung. KI-Funktionen werden direkt in Maschinen und Steuerungssysteme eingebettet und sind nicht mehr auf separate Dashboards beschränkt. Algorithmen optimieren Parameter im laufenden Betrieb, erkennen Abweichungen und unterstützen Entscheidungen, ohne Prozesse zu unterbrechen. Der Mehrwert entsteht durch diese Integration in den Arbeitsablauf: weniger ungeplante Stillstände, stabilere Prozesse und eine effizientere Nutzung von Anlagen. KI wird damit zu einem Bestandteil der operativen Automatisierung.

Nachhaltigkeit ist Voraussetzung

Moderne Automatisierung leistet einen wesentlichen Beitrag zu nachhaltiger Produktion. Präzisere Bewegungsführung, effiziente Antriebstechnik und transparente Energiedaten helfen, Materialverluste zu reduzieren und Energie gezielter einzusetzen. Hocheffiziente Servoantriebe und intelligente Steuerungen passen ihren Energiebedarf dynamisch an Lastprofile und Prozessanforderungen an. Gleichzeitig erfassen integrierte Systeme detaillierte Verbrauchsdaten, die als Grundlage für Energieanalysen, Berichte und Optimierungsmaßnahmen dienen. Diese Transparenz unterstützt Unternehmen dabei, Einsparpotenziale zu identifizieren, Energieverbräuche vergleichbar zu machen und konkrete Maßnahmen zur CO2-Reduktion umzusetzen – ohne die Produktivität zu beeinträchtigen.

Fertigung der Zukunft: Vernetzt, flexibel, intelligent

Die industrielle Fertigung entwickelt sich hin zu stärker vernetzten, modularen und widerstandsfähigen Systemen. Aus meiner Sicht als CTO der Machine Automation Division von ABB (B&R) werden im Jahr 2026 und darüber hinaus datenbasierte Automatisierung, integrierte KI, sicherheitsorientierte Architekturen und transparente Energieflüsse eine tragende Rolle dabei spielen, Produktionsanlagen flexibel und verantwortungsvoll zu betreiben. Unternehmen, die diese Technologien konsequent kombinieren, können schneller auf Veränderungen reagieren, fundiertere Entscheidungen treffen und ihre Produktion langfristig stabil ausrichten.