Interview mit Mathias Blaskovic, Product Manager MCD bei Sumitomo

Weniger Overengineering, mehr Convenience

Inwieweit verschiebt sich die Automatisierungsfunktionalität von der SPS in Richtung Antriebe? Wie lassen sich Motor und Getriebe möglichst effizient und passend auslegen? Und welchen neuen Anforderungen muss sich die Antriebstechnik in der digitalen Fabrik stellen? Darüber hat das SPS-MAGAZIN mit Mathias Blaskovic, Product Manager bei Sumitomo Drive Technologies, gesprochen.

Herr Blaskovic, Antriebe können zunehmend auch Automatisierungs-, Steuerungs- und Safety-Funktionen übernehmen. Welche Features muss man als Hersteller seinen Kunden hier bieten?

Mathias Blaskovic: In der Antriebstechnik geht der Trend immer mehr zu kompletten Systemen. In diesem Zusammenhang müssen Antriebshersteller – aufgrund der sich verändernden Kunden- und Marktanforderungen – verstärkt auch die Themen Steuerung und Sicherheit übernehmen. So wurde etwa die von Sumitomo und Lafert entwickelte Drive Package Solution für AGVs mit einer Motorsteuerung geliefert, in der u.a. STO-Features nach individuellem Kundenbedarf integriert wurden. Der Sicherheits- und Verfügbarkeitsgedanke hat bei Antriebsherstellern zudem zur Entwicklung von Condition-Monitoring-Lösungen geführt, um den technischen Zustand einer Maschine kontinuierlich überwachen zu können. Es bleibt spannend, welche zusätzlichen Features einzelne Hersteller in der Zukunft noch integrieren und wie sich die daraus resultierende Systemlandschaft generell entwickelt. Sumitomo steht gemeinsam mit Lafert und Invertek in der Unternehmensgruppe allen Kundenanforderungen aufgeschlossen gegenüber. So brauchen Präzisions- und Servoantriebe in Robotern und Cobots ausgedehnte Sicherheitsfunktionen, auch weil Kollisionen und harte Stopps grundsätzlich schädlich für ein Getriebe sind. Unser Cyclo-Prinzip hält zwar bis zu 500 Prozent Überlastmoment aus, aber diese Anforderungen führen eben nicht nur zur Erweiterung der Features, sondern auch zu neuen Anforderungen an bestehende Komponenten. Zusätzlich werden in der Robotik steuerungstechnische Features benötigt: etwa integrierte Sensoren zum Soll/Ist-Positionsvergleich mit direktem Feedback an den Motor, zur Nachregelung der Positionierung.

Wie bewerten Ihre Kunden das Thema Effizienz?

Blaskovic: Es gibt heutzutage wohl keinen Kunden, dem das Thema Effizienz gleichgültig ist. Auf Getriebeseite kann in Zukunft über Schmierstoffe, Fette, Öle die Energieeffizienz noch verbessert werden. Auch sind höhere Leistungsdichten durch eine kontinuierliche Weiterentwicklung in den Bereichen Konstruktion und Material/Werkstoffe möglich. Unsere einstufigen DA-Präzisionsgetriebe übertreffen die Leistungsdichte der bestehenden D-Serie um 25 Prozent und erreichen damit eine Leistungsdichte, die sonst nur zweistufigen Getrieben vorbehalten ist. Effizienz betrifft aber auch das Motorendesign. Dazu hat der Elektromotorenspezialist Lafert einiges an Entwicklungsleistung erbracht, unter anderem einen Permanentmagnetenmotor mit IE5-Klassifizierung. Weiteres Potential zur Steigerung der Effizienz in der Systembetrachtung sehen wir z.B. durch integrierte Sensoren zur Lasterkennung und Nachregelung – quasi Leistung on Demand. Darüber hinaus gilt es, eine effiziente Auslegung von Getriebe und Motor zu erreichen. Mit Lafert können wir bedarfsgenaue Antriebe herstellen, indem wir Selektoren, Modellkonfiguratoren und Auslegungssoftware einsetzen. Unser Fokus liegt darauf, im Sinne der Kunden ein Overengineering zu vermeiden. Über fortlaufend angepasste Fertigungsverfahren und Herstellungsprozesse generieren wir zudem optimale und transparente Kosteneffizienz.

Welche Erwartungen stellt der Anwender bei der Antriebs- und Getriebeauslegung an Sie? Welche Rolle spielen moderne Tools hier?

Blaskovic: Convenience heißt das Zauberwort, mittlerweile auch im Bereich der Antriebslösungen. Statt sich zeitraubend mit der Auswahl von Grundkomponenten zu befassen, wünscht sich der Kunde vom Partner die Übernahme der detailreichen Vorarbeit. Das ist auch sinnvoll, denn so können sich Maschinenbauer auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren, anstatt sich mit der Abstimmung von Einzelkomponenten zu befassen. Dabei werden die angeforderten Applikationen immer individueller. An diesem Trend zu möglichst kundenindividuellem Engineering bei gleichzeitiger Steigerung der Kundenzufriedenheit durch Vereinfachung orientiert sich Sumitomo Drive Technologies. Diese Dynamik mündete u.a. in der Akquise des Motorenherstellers Lafert und des Reglerherstellers Invertek. Der Markt hat Geschmack gefunden an kompletten und individuell abgestimmten Antriebsachsen – ohne dabei das konzeptionelle Zepter aus der Hand geben zu müssen. Dem Convenience-Gedanken folgend, müssen Partner für Antriebslösungen die eigene Komfortzone noch ein Stückchen mehr verlassen, um überhaupt zukunftsweisende Ideen und Geschäftsmodelle im Maschinenbau kreieren zu können. Die Digitalisierung wird ihrerseits die vernetzte Arbeit verändern und z.B. die Tür für Zustandsüberwachungen und Produktionsoptimierungen immer weiter öffnen. Aber auch hier gilt wieder die Parole: Overengineering vermeiden! Dem begegnen wir mit effizienten, bei Bedarf individualisierten Motor/Getriebe-Kombinationen und bestmöglich aufeinander abgestimmten Standardkomponenten im Baukastenprinzip. Aktuell sind wir in der finalen Entwicklungsphase eines Online-Konfigurators. Der Kunde kann mit bestehenden technischen Anforderungen online über einen Produktfinder das passende Getriebe selektieren. Darauf basierend werden dann im nächsten Schritt über Online-Konfiguratoren die existierenden Motordaten abgefragt und die Getriebe/Motor-Kombination ausgelegt. Output werden die individuellen CAD-Daten für die gewählte Lösung sein.

Kaufen Ihre Kunden heute überhaupt noch einzelne Komponenten oder werden übergreifend komplette Antriebspakte inklusive Elektronik aus einer Hand gefragt?

Blaskovic: Nach wie vor werden viele Anfragen zu einzelnen Antriebskomponenten gestellt. Aber der Trend zur Systemlieferung ist eindeutig erkennbar. Am auffälligsten im Bereich der Aktorik, auf den wir mit unseren ECY-Getriebe mit Servomotor und integrierter Steuerung abzielen. Generell gibt es allerdings starke regionale und auch applikationsspezifische Unterschiede. Gerade große Maschinenhersteller wollen oft flexibel bleiben und kaufen Einzelkomponenten. Kleinere Unternehmen greifen dagegen gerne auch auf Systeme zurück. Das heißt für uns: Komponenten- und Systemgeschäft werden weiterhin parallel bestehen bleiben. Wir richten uns nach dem Kundenbedarf und sind der Meinung, dass nur auf einem passenden Komponentenportfolio basierende Systeme optimal aufgesetzt werden können.

Welchen Trends müssen Sie sich als Antriebshersteller im Bereich der Digitalisierung und entsprechenden neuen Technologien stellen?

Blaskovic: Den größten Trend sehen wir aktuell im Bereich Gesamtaktuatoren inklusive Motoren und intelligenter Elektronik. Ist die Steuerungselektronik genau auf Motor und Getriebe abgestimmt, lassen sich vielerlei Kompensationsalgorithmen implementieren. Das führt zu Performance-Steigerungen wie sie durch reine Mechanik nicht zu erreichen wären. Im Bereich der Fertigung arbeiten wir mit Nachdruck an vernetzten Standorten und Fabriken, auch gemeinsam mit Lafert und Invertek. Auch in unserem Europa-Headquarters in Markt Indersdorf treiben wir das Thema Digitalisierung weiter voran. Ziel ist unter anderem das möglichst papierlose Arbeiten in den Bereichen Fertigung und Montage. Dazu gehört unter anderem die Ausstattung der kompletten Produktions-, Montage- und Lagerbereiche mit Wifi und Monitoren für eine digitale und kabellose Messdatenerfassung. Dem Trend in der Produktion zu immer stärkerer Individualisierung einerseits und Standardisierung andererseits begegnen wir mit individualisierter Massenfertigung ab Losgröße 1 und vorkonfigurierten Lösungen.

Sumitomo (SHI) Cyclo Drive Germany GmbH

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