Der Weg aus der Corona-Krise

Krisen-Vorschläge von Acatech

Bild: acatech – Dt. Akademie der Technikwissenschaften

Anlässlich der gegenwärtigen Corona-Pandemie hat Acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften Handlungsoptionen vorgelegt. In dem Thesenpapier entwickeln die Autoren Vorschläge, wie sich die unmittelbare Krisenintervention stärken lässt, wie versorgungsrelevante Wirtschaftsbereiche stabilisiert werden können und mit welchen Stimuli sich die Rückkehr aus dem Krisen- in einen Wachstumsmodus vorbereiten lässt.

Gegenwärtig setzt Deutschland bei der Eindämmung der Corona-Pandemie auf die allgemeine Einschränkung des sozialen Lebens, um die Zahl der Neuansteckungen und damit die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Diese Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung haben für die Arbeitsgruppe um Christoph M. Schmidt und Reinhard F. Hüttl jetzt Priorität. Gleichzeitig haben sie ökonomische Folgen: Wirtschaftliche Aktivitäten kommen in einem nie dagewesenen Ausmaß zum Erliegen. Es gelte, eine Vollbremsung der Volkswirtschaft unbedingt zu vermeiden, um das Gesundheitssystem zu Höchstleistungen zu befähigen und die allgemeine Grundversorgung der Bevölkerung zu gewährleisten.

Die Wissenschaftler der Akademie begrüßen deshalb auch die stützenden wirtschaftspolitischen Maßnahmen, zu denen Regelungen zur Kurzarbeit, Liquiditätshilfen und Steuerstundungen gehören. Diese Hilfen müssen auch schnell und zielgerichtet ankommen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sollte mindestens für den Zeitraum der kommenden ein bis eineinhalb Jahre einen Krisen- und Expertenstab einrichten, der die Umsetzung der wirtschaftspolitischen Maßnahmen monitort und zeitnahe Empfehlungen zur Nachsteuerung von Interventionen gibt.

In ihrem Impulspapier hat die Arbeitsgruppe konkrete Vorschläge für drei Handlungsstränge des Krisenmanagements im Zuge der Corona-Pandemie entwickelt:

Intervenieren. Die unmittelbare Krisenintervention müsse zwei Krisen parallel bewältigen: die Gesundheitskrise und die aus ihren unmittelbaren Folgen resultierende Wirtschaftskrise.

Stabilisieren. Bei einem möglicherweise länger anhaltenden Herunterfahren der Wirtschaft müssen versorgungsrelevante Bereiche funktionsfähig bleiben, auf deren Stabilität die Gesellschaft besonders angewiesen ist.

Stimulieren. Wichtig seien frühzeitige Stimuli für die „Zeit nach Corona“, um die Volkswirtschaft rechtzeitig aus dem Krisenmodus wieder in einen nachhaltigen Wachstumsmodus zu bringen. Gerade jetzt müsse Deutschland an innovationspolitischen Zukunftsprojekten festhalten.

In allen drei Bereichen spielen neben gesundheits- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen neue Technologien und Innovationen eine wichtige Rolle. Die wirtschaftspolitischen Überbrückungsmaßnahmen des aktuellen Shutdowns lassen sich nicht unbegrenzt durchhalten. Umgekehrt ist auch ein Ausstieg aus dem Shutdown nur durchzuhalten, wenn eine explodierende Anzahl von Neuinfektionen vermieden wird. Mittelfristig führe daher kein Weg an flächendeckenden Tests und einer individuellen Isolierung von Infizierten und Kontaktpersonen vorbei. Derzeit befinden sich mehrere immunologische Tests in Erprobung, die innerhalb der kommenden Wochen verfügbar werden könnten. Sie ermöglichen es, Menschen zu identifizieren, die bereits eine schleichende Infektion hinter sich haben, somit auf absehbare Zeit immun sind und deshalb wieder ihren Tätigkeiten nachgehen können. Die Behandlung gefährdeter Bevölkerungsteile ließe sich priorisieren. Ebenso könnte der Gefährdungsgrad nach Lockerung des Social Distancing epidemiologisch erfasst werden. Die Bereitstellung solcher Tests sollte maximal unterstützt werden.

Krisenmanagement als Lernendes System

Christoph M. Schmidt sieht gutes Krisenmanagement als ein „lernendes System“: „Wir müssen uns eingestehen, dass wir kaum Erfahrung mit dem gezielten Herunter- und wieder Herauffahren unserer hochgradig arbeitsteiligen und vernetzten Wirtschaft haben. Die unermessliche Zahl wechselseitiger Abhängigkeiten der Entwicklungen macht Simulationen und Prognosen praktisch unmöglich. Weiterhin fehlen uns Erkenntnisse über mögliche Kipppunkte, ab denen ein geregeltes Hochfahren der Wirtschaft unter Umständen schwerfällt. Krisenmanagement muss sich deshalb als ein lernendes System begreifen. Wir müssen uns auf eine ständige Nachsteuerung einrichten und das auch klar sagen.“

Das Papier untersucht die Stabilität kritischer Bereiche wie Gesundheitsversorgung, Landwirtschaft und Ernährung, Logistik, Kommunikations- und Datennetze. Die gute Nachricht: Derzeit gebe es keine grundsätzlichen Beeinträchtigungen der Grundversorgung in Deutschland. Engpässe gibt es bereits im Gesundheitsbereich. Ein detailtiefes zentrales Monitoring versorgungsrelevanter Wirtschaftsbereiche durch einen Krisen- und Expertenstab der Bundesregierung sei notwendig. Das Gesundheitssystem muss derzeit vor allem auf Patientinnen und Patienten mit schweren Krankheitsverläufen vorbereitet sein, die eine intensivmedizinische Behandlung benötigen. Wichtig werden neben Intensivbetten und technischer Ausrüstung eine Logistik, die eine wissensbasierte Steuerung und regionale Verteilung der Infizierten ermöglicht, Remote-Technologien zur Unterstützung der Intensivmedizin und vor allem medizinisches Personal, das nicht nur aus ethischen Gründen besonders schutzwürdig ist, sondern auch die knappste „Ressource“ sein wird.

Das Impulspapier sammelt innovative Möglichkeiten. Beispiele sind neue Bilderkennungsverfahren zur besseren Diagnose, Kommunikationsplattformen und KI-Unterstützung für die Notfallversorgung und für die Koordination der öffentlichen Verwaltung und auch die digitalen Möglichkeiten, miteinander in Kontakt und Zusammenarbeit zu bleiben. Sie erhöhen die Resilienz von Wirtschaft und Gesellschaft, also die Widerstandsfähigkeit in der Krise. Für den Weg aus der Krise in eine neue Wachstumsphase gelte es, aus der Not eine Tugend zu machen und in Qualitätssprünge zu investieren – zum Beispiel beim E-Learning oder der technischen Ausstattung für mobiles Arbeiten. Die Produktivitätsschübe, die diese Investitionen auslösen, wirken weit über die gegenwärtige Krisenwirtschaft hinaus.

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