UX- und UI-Designer effektiv vernetzt

Zwei Welten mit dem gleichen Ziel

Eine gute Nutzerführung von Maschinen erleichtert die Bedienung und verhindert im Extremfall sogar Fehler. Mit der Verbreitung neuer Technologien erhält dieses Handlungsfeld heute oft mehr Raum als früher. Doch wie arbeiten User-Experience(UX)- und User-Interface(UI)-Designer effektiv zusammen? Michaela Wilhelm (Bild), Head of Usability & Design und Digital Solutions bei In-Tech, erläutert mögliche Ansätze.
Bild: ©thatinchan/stock.adobe.com

Wenn Maschinenbauer und externe Anwendungs-Entwickler zusammenkommen, treffen oft verschiedene Welten aufeinander. Für letzteren ist ‚Form follows Function‘ eine Herausforderung, die hart erarbeitet werden muss. Manche Auftraggeber nehmen diese oftmals als gegeben hin, denn nach deren Meinung genügt es, eine Software nach funktionalen Gesichtspunkten zu entwickeln – eine ansprechende Bedienoberfläche ergibt sich dann zwangsläufig von selbst. Wiederum andere Hersteller haben erkannt, dass ihre bisherigen Entwicklungen den Usability-Anforderungen ihrer Kunden nicht mehr genügen. Sie suchen deshalb nach externer Unterstützung bei der Entwicklung neuer Bedienoberflächen. Ein Aspekt sind häufigere Abstimmungen zwischen Kunde und Hersteller, die dafür sorgen, dass die Entwicklung enger am gewünschten Ergebnis ausgerichtet wird. Ein weiterer Faktor ist aber auch der höhere Einfluss der eigenen User-Experience- (UX) und User-Interface-Designer (UI). Denn deren Aufgabe ist es, schon früh im Projekt die Machbarkeit des Bedienkonzepts auf den Prüfstand zu stellen. Externen Agenturen fehlt dabei oft das technische Verständnis oder das Domänenwissen. Sie fokussieren sich dagegen häufig eher auf die ästhetische Gestaltung der Bedienoberfläche. Mit diesem ‚Skinning‘, also dem alleinigen Fokus auf ein ansprechendes Äußeres, berauben sich Hersteller eines Wettbewerbsvorteils. Exklusivere Konzepte schaffen Differenzierungspotenziale, die beim Anwender einen bleibenden Eindruck hinterlassen können. Diesem geht es oft weniger darum, ob eine Bedienoberfläche hübsch anzusehen ist. An erster Stelle stehen für ihn Aspekte der User Experience.

Michaela Wilhelm ist 
Head of Usability & Design und 
Digital Solutions bei In-Tech.
Michaela Wilhelm ist Head of Usability & Design und Digital Solutions bei In-Tech.Bild: In-Tech GmbH

Für den täglichen Einsatz

Weißt das Bedienkonzept Mängel auf, drohen Effizienzverluste oder Fehlbedienungen. Die Aufgabe der UX-Experten ist es, aus Sicht der Anwender zu denken und Bedienkonzepte zu entwickeln, die sich im täglichen Einsatz bewähren. Hoher Schulungsaufwand und großer Bedarf an Nachschulungen weisen beispielsweise ebenso auf schlechte Usability hin wie lange Handbücher. Messbar ist die Qualität der Usability über die Effektivität (Erhebung der Erfolgsquote), die Effizienz (anhand des Verbrauchs von Ressourcen) und der Zufriedenheit der Anwender (Erfüllung der Bedürfnisse und Erwartungen der Benutzer).

Stellenwert von UX und UI

Ein klassisches HMI (Human machine Interface) genügt vielen, angesichts der technischen Möglichkeiten, nicht mehr. Und interne Entwickler stoßen dabei immer wieder an Grenzen. Schon der festinstallierte Screen an der Maschine bietet heute mehr Optionen: Vom einfachen Touch-Screen bis zum Multi-Touch-Display, das auch Gesten versteht. Ein solches Bedienkonzept lässt sich zwar auf Tablets und Smartphones übertragen. Doch unterschiedliche Displaygrößen und Seitenformate stellen dann Hürden dar. Alternativen wie Sprachsteuerung und Bewegungserkennung – beispielsweise in Verbindung mit Virtual Reality (VR) oder Augmented Reality (AR) – sind ebenfalls Optionen, die bei der Entwicklung eines Bedienkonzeptes eine Rolle spielen können. Und auch die Schattenseiten dieser Vielfalt muss ein UX-Designer bedenken: Die Bedienung muss konsistent sein, egal ob er die Maschine vor Ort per Touchscreen bedient oder remote per App. Getrennt davon ist die grafische Gestaltung der Benutzerschnittstelle zu betrachten. Auch die trägt zur Usability bei. Dabei spielen Gestalt, Farbe und Position der visuellen Elemente eine Rolle. Die Aufgabe der UI-Designer ist es daher, über die visuelle Gestaltung mit dem Nutzer zu kommunizieren und seine Aufmerksamkeit zu lenken.

Strukturiertes Vorgehensmodell

Um eine gute User Experience und Usability zu erreichen, bedarf es eines strukturierten Prozesses. Daher sollten bereits bei der Initialisierung und Planung des Gesamtprojektes die Usability-Experten involviert sein. Sie entscheiden anhand von Projektzielen sowie dem zur Verfügung stehenden Zeit- und Kostenbudget mit darüber, welche Methoden zum Einsatz kommen und wie der Zeitplan gestaltet wird. Es empfiehlt sich ein Vorgehensmodell, welches die Bereiche UX- und Software-Technologie mit einbezieht. Im Rahmen dieser ‚Chec‘-Phase können in Workshops Aspekte des Systems beleuchtet werden. Im Anschluss an die Workshops wird in der Analysephase neben technischen Anforderungen Nutzeraspekte geklärt. Beispielsweise wo und wie die Anwender arbeiten, welche Aufgaben und Ziele mit ihrer Tätigkeit verbunden sind und welche Fähigkeiten vorhanden sind. Auch die alltäglichen Workflows der Anwender sollten Beachtung finden. Ebenso werden die Wünsche der Stakeholder abgefragt, die zum Teil über die eigentliche Anwendung hinausreichen – etwa, sich ein bestimmtes Image im Kundenkreis zu verschaffen.

Umsetzungsphase

Nun beginnt die Erstellung der Gestaltlösung – zunächst mit Wireframes und Low-fidelity-Prototypen. Diese sollen bereits in einer sehr frühen Phase erste Anwendertests beispielswese mit Klick-Dummys ermöglichen. Parallel beginnt ein Software-Team mit weiteren Vorbereitungen. Da industrielle Anlagen über viele Jahre betrieben werden, kommt der Auswahl der Technologien und Frameworks eine wichtige Bedeutung zu. Gerade bei beschränkten Hardwareressourcen können Performance-Probleme bei der Bedienung ansonsten zu schlechter UX führen. Im Rahmen eines iterativen Entwicklungsprozesses sollten zunächst die groben Linien festgelegt, dann immer mehr Details und Spezialfälle hinzugefügt werden, bis das Gesamtkonzept steht. Bleibt die Entwicklung des Bedienkonzept in der Hand der Programmierer, kann sich die Projektzeit verlängern und im schlimmsten Fall geht die finale Lösung an den Anforderungen der Nutzer vorbei. Ein Beispiel: Im Rahmen eines Projektes nahmen die Software-Entwickler an einer Anwenderschulung teil. Sie sollten eine neue Bedienoberfläche für ein Messgerät erstellen und machten sich zunächst mit der bisherigen Software vertraut. Dabei kamen die Programmierer zwar mit der bisherigen Benutzeroberfläche gut klar. Die eigentlichen Anwender, ausgebildete Elektriker, konnten die Geräte dagegen nicht fehlerfrei bedienen.

Branchenkompetenz wichtig

Bei der Entwicklung individueller Lösungen und Konzepte ist es von Vorteil, wenn Software-Entwickler, UX- und UI-Designer auf Erfahrungen zurückgreifen können. Eine solche Branchenkompetenz ermöglich es, Best Practices, Ideen und Konzepte in andere Industriezweige zu übertragen und dort zu neuartigen Lösungen zu finden.

www.in-tech.com

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