WHO-Studie zur Corona-Übersterblichkeit nutzt störanfällige Methode

Diese Unstatistik ist eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO zur Übersterblichkeit im Zusammenhang mit Covid-19. Laut dieser Studie gab es in Deutschland in den Jahren 2020 und 2021 knapp 200.000 Todesfälle mehr als ohne Pandemie zu erwarten gewesen wäre. Bezogen auf die Bevölkerungsgröße kommt die WHO für viele europäische Nachbarn - wie Dänemark, Frankreich oder die Schweiz - auf deutlich niedrigere Werte, und selbst Länder wie Großbritannien oder Spanien liegen noch knapp unter dem deutschen Wert.

Diese Zahlen überraschen, ging man bisher doch allgemein davon aus, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern gut durch die Pandemie gekommen sei. Berichte zur hohen Übersterblichkeit gab es z.B. in FAZ, Bild, und Cicero. Sie weichen auch deutlich von denen des Statistischen Bundesamtes ab, das für 2020 und 2021 zusammen von einer Übersterblichkeit von gut 70.000 Fällen in Deutschland ausgeht. Die Statistiker Giacomo De Nicola, Göran Kauermann und Michael Höhle kommen in zwei aktuellenStudien sogar nur auf etwa 30.000 zusätzliche Todesfälle im gleichen Zeitraum. Wie kann das sein?

‚Die‘ Übersterblichkeit gibt es nicht

Grundsätzlich versteht man unter dem Begriff ‚Übersterblichkeit‘ die Differenz zwischen den tatsächlich beobachteten Todesfällen und der Anzahl, die statistisch gesehen zu erwarten gewesen wäre. Wie viele Menschen tatsächlich sterben, wird in einem Land mit guter Bevölkerungsstatistik wie Deutschland recht genau erfasst. Für die Berechnung der erwarteten Todesfälle gibt es aber mehrere gängige Verfahren, die jeweils zu einer etwas anderen Übersterblichkeit führen. So verwendet das Statistische Bundesamt meist ganz einfach den Median im gleichen Zeitraum der letzten vier Jahre als Erwartung. De Nicola, Kauermann und Höhle berücksichtigen zusätzlich zu den reinen Sterbezahlen der Vergangenheit auch die Entwicklung der Altersverteilung, denn in Deutschland kommt es allein durch das Älterwerden der Bevölkerung jedes Jahr tendenziell zu mehr Todesfällen.

Kurzfristige Zufallsschwankungen können WHO-Methode beeinflussen

Die WHO wiederum benutzt für ihre Studie ein relativ komplexes Verfahren, um aus den Sterbefällen der Jahre 2015 bis 2019 eine Erwartung für die Jahre 2020 und 2021 zu berechnen. Dieses Verfahren ist grundsätzlich sehr flexibel, hat aber leider einen erheblichen Nachteil: Es kann leicht von kurzfristigen Zufallsschwankungen beeinflusst werden. Genau das verursacht bei den deutschen Daten ein Problem: 2018 gab es durch eine starke Grippewelle ungewöhnlich viele Todesfälle, 2019 war der Wert hingegen eher niedrig. Das WHO-Verfahren lässt sich von dieser Schwankung irritieren und interpretiert sie fälschlich als Beginn eines deutlichen Abwärtstrends bei der Sterblichkeit. Dies führt dann zu der unplausiblen „Erwartung“, dass ohne Pandemie die Anzahl der Todesfälle in Deutschland in den Jahren 2020 und 2021 im Vergleich zu den Vorjahren deutlich zurückgegangen wäre, was dann wiederum automatisch zu der hohen berichteten Übersterblichkeit führt. Dieser Nachteil der WHO-Methode betrifft im Prinzip nicht nur Deutschland und muss auch nicht immer dazu führen, dass die Übersterblichkeit überschätzt wird. So scheinen z.B. in der WHO-Studie die Zahlen für Schweden, das durch seine Pandemiepolitik stets besondere Aufmerksamkeit erfährt, für die Jahre 2020 und 2021 mit Blick auf den langfristigen Trend deutlich zu niedrig.

Fazit

Die überraschenden Zahlen der WHO zur Übersterblichkeit sind zu einem großen Teil ein ungewollter Nebeneffekt einer eher ungewöhnlichen Berechnungsmethode und für Deutschland wahrscheinlich sehr deutlich zu hoch. Auch bei Verwendung plausiblerer Methoden sollte die Übersterblichkeit zudem nicht als alleiniges Maß für einen Ländervergleich der Effektivität von Corona-Maßnahmen verwendet werden, da diese auch von vielen anderen Faktoren, wie z.B. der jeweiligen Altersverteilung, beeinflusst wird. Die an der Entwicklung der WHO-Methodik beteiligten Wissenschaftler haben als Reaktion auf die Kritik inzwischen neue Zahlen für Deutschland und Schweden genannt. Mit gut 120.000 Todesfällen für die Jahre 2020 und 2021 liegt der neue Wert für Deutschland aber weiterhin ungewöhnlich deutlich über den Werten aus anderen Studien.

www.rwi-essen.de

Das könnte Sie auch Interessieren

Bild: Sieb & Meyer AG
Bild: Sieb & Meyer AG
Ein weites Feld

Ein weites Feld

Frequenzumrichter ist nicht gleich Frequenzumrichter: Neben Standardausführungen und Modellen für mobile Applikationen stellen High-Speed-Umrichter für stationäre Applikationen eine besondere Nische dar. Genau hier positioniert sich das Unternehmen Sieb & Meyer – mit einer breiten Palette an Modellen und Ausführungen. Denn auch in diesem Bereich gilt es, auf die verschiedenen Anforderungen der jeweiligen Anwendungen einzugehen.

Bild: ISW Institut für Steuerungstechnik der Werkzeugmaschinen und Fertigungseinrichtungen
Bild: ISW Institut für Steuerungstechnik der Werkzeugmaschinen und Fertigungseinrichtungen
Maschinenfabrik 
Made in Stuttgart

Maschinenfabrik Made in Stuttgart

Die Stuttgarter Maschinenfabrik stellt eine vollständig digitalisierte Produktionsumgebung dar, in der vom Kunden individualisierte Produkte selbstorganisiert hergestellt werden. Dafür ist eine neue technologische Infrastruktur in Kombination mit einem durchgängigen Einsatz von digitalen Zwillingen erforderlich. Das erlaubt eine hohe Freiheit bei der Entwicklung von neuen Anwendungen und die nötige Flexibilität im Maschinenpark. Die Artikelserie soll beispielhafte Aspekte der Stuttgarter Maschinenfabrik beleuchten, um das Umsetzungsprojekt vorzustellen.